Stuttgart-Weilimdorf | Zukunft der Altenpflege in Weilimdorf: Bürgerschaftliches Engagement der Babyboomer wird gefragt sein

Zukunft der Altenpflege in Weilimdorf: Bürgerschaftliches Engagement der Babyboomer wird gefragt sein

Dienstag, 14.11.2017, 16:25

Die Gesellschaft in Deutschland altert - und dies wird sehr wahrscheinlich jeden über kurz oder lang treffen. Ob Weilimdorf in den kommenden Jahren das Problem in den Griff bekommt, sollte eine Podiumsdiskussion im Bezirksamt klären, die auf Betreiben der Freien Wähler am Montagabend, 13. November 2017, stattfand.

"Wir wollen an diesem Abend auf bereits bekannte Defizite hinweisen, um die Problematik besser beleuchten zu können!", so Michael Schrade, Moderator des Abends, der unter dem Motto "Zukunft der stationären Altenpflege in Weilimdorf" stand. Er begrüßte neben Alexander Gunsilius (Landeshauptstadt Stuttgart, Abteilung Sozialplanung) für die Podiumsdiskussion auch Weilimdorfs Bezirksvorsteherin Ulrike Zich, Rainer Wißler (Sprecher des StadtSeniorenRat Stuttgart e.V. für Weilimdorf), Ingrid Hastedt (vom Trägerforum Altenhilfe Stuttgart e.V.) und Jürgen Zeeb (Stadtrat und Fraktionssprecher der Freien Wähler Stuttgart).

Zum allgemeinen Verständnis der rund 50 erschienenen Gäste im Sitzungssaal des Bezirksamtes, stellte Alexander Gunsilius in einem Vortrag die Altenpflege-Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland, Stuttgart, aber auch in Weilimdorf dar. "Wir altern vierfach", so Gunsilius - und verweist auf die ständig zunehmende Zahl der Älteren, die immer älter werden, sowie die sinkende Anzahl junger Menschen wegen rückläufiger Geburtenquoten, aber auch der immer weniger Menschen im Erwerbsleben stehenden. So lebten bereits im Jahr 2012 in Stuttgart 28.945 Menschen, die über 80 Jahre alt sind, in 2030 werden es rund 38.200 sein, eine Steigerung von 32 Prozent. Auch wird in Badenwürttemberg die Gesamtzahl der Pflegebedürftigkeit, sei es durch stationäre Pflege, Ambulante Pflege oder Pflegegeldempfänger, von 2015 bis 2030 von 337.326 auf rund 403.000 ansteigen. Im Stadtgebiet Stuttgart stieg die Anzahl der Pflegebedürftigen von 2011 bis 2015 von 13.151 auf 14.893, binnen vier Jahren eine Zunahme um 9,4 Prozent. Auf Grund der demografischen Entwicklung werden in Stuttgart bis zum Jahr 2025 zusätzlich 1.773 stationäre Dauerpflegeplätze benötigt. Da die "Landesheimbauverordnung 2019" allerdings vorsieht, 619 Doppelzimmer in den kommenden Jahren in Einzelzimmer umzuwandeln, ergibt sich für Stuttgart sogar ein Gesamtbedarf von 2.392 Plätzen. Da Pflegeheime zudem in Zukunft nicht mehr als 100 Pflegeplätze haben dürfen, müssten in Stuttgart in den 23 Stadtbezirken in den kommenden Jahren mehr als 18 Pflegeheime "aus dem Boden gestampft" werden, "das ist nicht machbar!", so Gunsilius und stellt in den Raum: "Bürgerschaftliches Engagement der Babyboomer wird gefragt sein, diese Lücke mit zu schließen!".

Im Stuttgarter Norden (Mühlhausen, Zuffenhausen, Stammheim, Münster, Weilimdorf und Feuerbach) beträgt der aktuelle Stand 1517 stationäre Pflegeplätze, bis 2025 steigt der Bedarf auf 1967 Plätze. In Weilimdorf selber gibt es derzeit 114 Pflegeplätze, die sich ausschließlich in der Altenwohnanlage am Lindenbachsee befinden, bis 2025 rechnet man mit einem Bedarf von 358 stationären Pflegeplätzen im Stadtbezirk, was einer Unterdeckung von 244 Plätzen entspricht. Durch den Erweiterungsbau (siehe gesonderte Berichterstattung auf weilimdorf.de) steigt die Zahl in den nächsten Jahren allerdings nur um 25 Plätze. "Hinzu kommt der Fachkräftemangel in der Altenpflege", so Gunsilius ergänzend. Dies gestaltet sich angesichts zu niedriger Löhne in der Branche und dem Gegendruck der extrem steigenden Miet- und Kaufpreise für Wohnraum in Stuttgart als immer schwieriger zu lösen. "Fakt ist, dass die Problemlösung hier nicht alleine durch die Verwaltung machbar ist, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe!", befindet Gunsilius: "ambulant wird vor stationär gehen müssen". Die "All inclusive" Mentalität bei der Altenpflege wird schon bald nicht mehr möglich sein - neben stationärer Pflege sind auch Pflegewohngemeinschaften, Wohnraum für altengerechtes Wohnen und barrierefreier Wohnraum notwendig. Auch Begegnungsstätten sind ebenfalls ein wichtiger Baustein für einen längeren Verbleib in der eigenen Häuslichkeit. Letzteres erfordert auch einen tiefergehenden Ausbau von haushaltsnahen Dienstleistungen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion bemängelte Ingrid Hastedt (Trägerforum Altenhilfe Stuttgart e.V.) das mangelnde Bewußtsein in der Bevölkerung und Politik für das Problem der Überalterung. Hinzu komme das Problem des Personalmangels: "Für helfende Hände brauch es gute Rahmenbedingungen, das betrifft vor allem den bezahlbaren Wohnraum!" Auch sein schon jetzt immer wieder der Punkt erreicht, dass der Bedarf an Pflegeplätzen höher sei als das Angebot - wie nun in den Sommerferien 2017 in Stuttgart erstmals geschehen.

Rainer Wißler (Sprecher des StadtSeniorenRat Stuttgart e.V. für Weilimdorf) bemängelte, dass seit dem Bau der Altenwohnanlage am Lindenbachsee im Jahr 1989 sich die Zahl der Pflegeplätze nicht geändert habe - erst jetzt werde durch den Anbau auf kleiner Basis "aufgestockt". "Die Planungen werden einfach nicht richtig vorangetrieben!", so Wißler - und stellte fest, dass im Gleichschritt zum "gesetztlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz" auch über einen ein "gesetzlichen Anspruch auf einen Pflegeplatz" nachzudenken sei.

Bezirksvorsteherin Ulrike Zich will die Situation in Weilimdorf nicht ganz so düster sehen: "Neben dem Ausbau der Altenwohnanlage im Lindenbachsee konnten wir im Zuge der Zukunftsoffensive Senioren 2006 im Stadtbezirke viele ambulante Pflegeangebote aufbauen, aber auch Wohngemeinschaften bilden". Der Seniorenwegweiser wird seither kontinuierlich fortgeführt und steht HIER auf weilimdorf.de als PDF zum Download bereit.

Jürgen Zeeb (Stadtrat und Fraktionssprecher der Freien Wähler Stuttgart) bemängelte die schleppende Suche nach passenden Grundstücken in Weilimdorf, die nicht richtig voran käme - "Es müsse dringend neue Quadratmeter regnen", so Zeeb - dies in Bezug auf von den Freien Wählern bereits vorgeschlagene Grundstücke wie die obere Deidesheimer Straße, der Bergheimer Weg oder das Walz Areal. "Entweder heisst es man prüfe hier eher eine mögliche Wohnbebauung wie an der Deidesheimer Straße, dann wiederum geht es nicht wegen Landschaftsschutz wie am Bergheimer Weg und am Walz Areal sei der mangelnde Lärmschutz das Hindernis", so Zeeb. Dabei sei doch gerade dort mehr als ausreichend Platz, ein gesamtes Altenzentrum "mit allem PiPaPo"zu bauen.

Vortrag wie die Diskussion zeigten die Problematik an diesem Abend deutlich - Lösungen für Weilimdorf konnten jedoch nicht gefunden werden. Im Frühjahr 2018 wird die Stadt einen neuen Suchlauf in allen Stadtbezirken nach passenden Grundstücken starten - die Podiumsteilnehmer erwarten sich hierdurch aber keine bzw. nur wenige neue Erkenntnisse. Private Grundstücke seien zudem zu teuer oder für Pflegeeinrichtung falsch geschnitten - "auf schmalen Streifen kann man vielleicht einen Laubengang bauen, aber kein Pflegeheim!", so Zich. Es gilt also zusätzlich, neue Wohnformen (wie z.B. Wohngemeinschaften mit Jung und Alt) zu entwickeln - dies auch im Hinblick darauf, dass immer mehr Senioren vielfach alleine in großen Häusern oder Wohnungen leben, während junge Familien mit Kindern keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden.

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