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Fünfter Stolperstein in Weilimdorf eingesetzt

Der fünfte “Stolperstein” wurde in Weilimdorf am 22. November 2011 in der Goslarer Str. 111 verlegt, vor dem ältesten Haus der früher genannten “Reisachstraße 95”. Rund 50 Anwohner und interessierte kamen bei warmen Sonnenschein zum Gedenken an das NS Opfer Gottlieb Wurster.

Selbst eine Hauptschulklasse kam auf Anregung mit ihrem Lehrer von der Reissachschule, Gäste waren auch die Familie des Hauses 111, sowie Weilimdorfer Bezirksbeiräte der Grünen, der SPD und Stadträtin Clarissa Seitz (Grüne). Frau Philomena Beital, die Heinz Wienand von der Stuttgarter Stolperstein-Initiative zuarbeitet, verlieh der Gedenkfeier durch eine würdigende Lebenslaufvorstellung Gottlieb Wurster´s und einem Licht einen würdigen Rahmen.

Gottlieb Wurster wurde 1877 in Plochingen geboren. Seine Eltern waren Friedrich und Anna Maria, eine geborene Lang. Gottlieb Wurster hatte 5 Brüder und 2 Schwestern. Im Alter von 22 Jahren heiratete er in Mannheim die ebenfalls 22-jährige Sofie Pauline Debach aus Nürtingen. Sie bekamen 5 Töchter und ein Sohn, die noch im jungen Kinderalter starben (bis auf Tochter Lilly). Etwa 1923 bauten sie das erste Haus in der Goslarer Straße, die damals „äußere Friedhofstraße“ genannt wurde. 1930 baute die Nachbarfamilie auf das übernächste Grundstück. “Es herrschte ein gutes nachbarliches Miteinander”, berichtete die Zeitzeugin Frau Haug. Da er zumindest zeitweise in der Lehmgrube (rund 200 Meter entfernt) arbeitete, brachte Gottlieb Wurster manchmal Bruchbacksteine mit herüber zum Verarbeiten. Der Weg zur Haustüre und selbst der Wäscheplatz war 1977 noch mit Ziegelsteinen gepflastert.

Aufgrund einer psychischen Erkrankung wurde Gottlieb Wurster 1931 mit 54 Jahren in das psychiatrische Krankenhaus Winnental eingeliefert. Immer wieder pendelte er zwischen Krankenhaus und zuhause hin und her, bis sein Aufenthalt im Alter von 60 Jahren von 1937 bis Juli 1940 dauerte. “Eines Tages wurde er vor seinem Haus durch einen grauen Kastenwagen abgeholt”, berichtete die Zeitzeugin. Am 23. Juli 1940 wurde eine Abgangsbescheinigung ausgestellt mit dem Vermerk „verlegt“, was einem Todesurteil gleich kam. In der Tötungsanstalt Grafeneck wurde er durch Gas getötet, zusammen mit weiteren 10.654 Menschen.

Gottlieb Wurster´s Witwe bekam einen so genannten Trostbrief, in dem Stand, er sei an Lungenentzündung verstorben. Seine Frau lebte bis zum Alter von 80 Jahren im Hause mit Unterstützung der Tochter Lilly und Familie.

Die Stolpersteineinsetzung unter der Kiefer auf dem breiten Gehweg, der zum Horn hoch führt, war für die Teilnehmer ergreifend. Dieser Gedenkstein und die Würdigung geben dem Euthanasieopfer Gottlieb Wurster auf diese Weise ein Stück seiner Menschenwürde zurück.

Anschließend luden die heutigen Bewohner alle Mitgedenkenden ins ehemalige Wohnhaus von Gottlieb Wurster ein, um zu sehen wo er gelebt hatte und um sich kennen zu lernen. Bei lebhaften Gesprächen kamen sich ca. 20 Menschen bei Kaffee, Tees, Getränken, Süßstückchen und Butterbrezeln näher.

Das Video zur Stolpersteinverlegung ist auch online auf www.youtube.com.

Fotos/Text: Sieglinde Hauger

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