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Waldpflege ist das eine, Holzwirtschaft das andere…

Wer in diesen Wochen im Wald zwischen Solitudestraße und Waldfriedhof einen erholsamen Waldspaziergang machen wollte, mußte feststellen, dass in diesem Bereich seit Mitte Dezember ein erheblicher und sichtbarer Holzeinschlag erfolgt ist, der für den Laien an vielen Stellen nicht nachvollziehbar ist. Bezugnehmend auf den Bericht von weilimdorf.de vom 27. Dezember konnte der für diesen Wald zuständige Revierleiter Rudolf Bertram in einer Ortsbegehung mit Bezirksbeiräten und der Redaktion von weilimdorf.de nun einige Befürchtungen maßgebend entkräften. Revierleiter Bertram war bei diesem sachlichen und informativen Rundgang darauf bedacht, die Vorwürfe des Berichtes zu kommentieren und die Arbeit seiner Mitarbeiter zu begründen. In einem kleinen geschichtlichen Exkurs machte Bertram zunächst klar, dass ein naturbelassener Wald rund um Weilimdorf nicht zu finden sei. Vielmehr wurde der Wald in den letzten Jahrhunderten noch weit mehr wirtschaftlich beansprucht, als es heute der Fall ist. Sei es Lehm- und Sandabbau, Streunutzung oder das Sammeln von Pilzen und Beeren. Nahezu alle Erzeugnisse des Waldes wurden vermarktet. Die Holznutzung selbst war zu dieser Zeit nur eine von vielen Einnahmequellen.

“Ich habe eine Fläche rund 800 Hektar zu beaufsichtigen und nur 2 Mitarbeiter um diese ordnungsgemäß zu pflegen”, so Bertram zu den anwesenden Bezirksbeiräten Dieter Benz und Heiner Obermayer (beide SPD) und der Redaktion. Früher umfasste der zu beaufsichtigende Wald in seinem Revier nur rund 300 Hektar, 10 Holzhauer und 20 “Kulturfrauen” waren für die Waldpflege neu gesetzter Pflanzen zuständig, sammelten Unterholz und Laub für die Orte Ditzingen, Gerlingen und Weilimdorf – was der Wald hergab wurde geholt und verkauft. Durch die Reformen in der Forstwirtschaft steht nun Bertram mit seinen 2 Mitarbeitern ziemlich allein im Wald – besonders nach Orkanen kann er nicht alle Wege abfahren und auf abgebrochene Bäume und Äste hin kontrollieren: “Hier bin ich eigentlich schon auf die Mithilfe der Bürger angewiesen, dass sie mir liegengebliebene Stämme wie Kronen auf Waldwegen melden”, betont Bertram.

2006/2007 wurde nun im Maierwald unterhalb der Solitude großflächig Holz eingeschlagen – um den vorhandenen Bäumen mehr Fläche bieten zu können (immerhin hat eine Baumkrone eine Fläche von bis zu zehn mal zehn Meter und ist damit so groß wie ein Einfamilienhaus) und den jungen Bäumen Licht zum Wachsen zu geben. “Wir hatten 2003 diesen extrem trockenen Sommer – und den haben vor allem viele Buchen nicht vertragen und mußten nun gefällt werden. Hinzu kommt hier vor Ort ein starker Käferbefall, vermutlich durch den Buchenborkenkäfer. Wir sind noch am forschen, welche Käferart überhaupt hier ‘am arbeiten‘ ist, um sie richtig bekämfen zu können!” so Bertram zu der betroffenen Waldfläche. Auf einer kleinen, im letzten Frühjahr bepflanzten Fläche erläuterte Bertram den Anwesenden, dass seit Lothar im Forstrevier Solitude jährlich nahezu 3.000 junge Bäume gepflanzt wurden. Darunter auch weniger häufige Arten wie Kirschen, Speierling und Elsbeeren, die in sogenannten Wuchshüllen vor dem Verbiss durch das Rehwild geschützt werden.

Bertram ist selber kein Freund großer Erntemaschinen mit großen Ballonreifen, die auch für ihn gewöhnungsbedürftig sind: “Wenn ich kann und die Waldbeschaffenheit es erlaubt, setz ich gerne Arbeitspferde ein!” So auch nun im Gebiet Frauenholz. Während die Vollernter auf den ausgefahrenen alten Wald- wie Hohlwegen (in der Forstwirtsprache als “Rückegassen” bezeichnet) blieben, holte ein Kaltblutpferd Stangenholz und mittlere Baumstämme aus der Fläche. “Man darf aber nicht vergessen, dass der Druck je Quadratzentimeter Waldboden von einem Pferd wie Erntemaschine unterm Strich der gleiche ist,” erläutert Bertram. Es wäre vollkommen richtig, dass durch die schweren Maschinen der Waldboden massiv verdichtet wird – selbst nach 40 Jahren fühlen sich Regenwürmer an diesen betroffenen Stellen noch nicht wieder wohl. Doch würden die genutzten Wege (Rückegassen) während den Fällarbeiten durch Äste und Zweige ausgelegt, es müsse zum arbeiten trocken oder besser frostig sein und nach den Einschlägen würden die Wege so weit wie möglich wieder mit Laub und Reisig überdeckt: “Nach 10 Jahren sieht man da kaum noch etwas und nach 20 Jahren ist hier optisch eigentlich nie ein Weg gewesen!” Dass der Einschlag in diesen Tagen im Frauenholz so extrem wirke, habe aber auch damit zu tun, dass die gefällten bzw. noch zu fällenden Bäume im Vorfeld durch rote Farbe markiert worden sind: „Diese Farbe kommt in der Natur nicht vor, für unser Auge erscheint sie daher als Fremdkörper, als Signalfarbe. Ein so gekennzeichneter Wald sieht für den Waldbesucher deshalb vor dem Fällen immer viel schlimmer aus, als er dann später in der Praxis durchgeführt wird“, gibt Bertram zu verstehen. Diesem Eindruck konnten sich auch die Bezirksbeiräte und die Redaktion nicht widersetzen.

Waldpflege und Holzwirtschaft lebt von zwei Philosophien, Bertram kann nicht beide vertreten. Während die einen Forstwirte eben die derzeitige Arbeit als falsch betrachten und die Entnahme von starken Bäumen bevorzugen, vertritt Förster Bertram die Ansicht, dass nicht nur kranke und schief gewachsene zu entnehmen sind, sondern langfristig eben auch solche, die aufgrund ihrer Astigkeit oder Kronenausformung sich nicht zu einem prächtigen 150-jährigen Buchenstamm entwickeln würden. “Da stoßen die Meinungen der Forstwirte aufeinander!” gesteht Bertram ein. Und er macht eben Holz nach dem Maßstab, wie die betroffene Fläche in 40 bis 50 Jahren aussehen soll: Dann sind die jetzt 100 bis 120 Jahre alten Buchen bestes Möbelholz, werden gefällt und machen Platz für die bis dahin hoffentlich zahlreiche Naturverjüngung, die die nächste Baumgeneration bildet.

Stolz ist Bertram auf seine Ökobilanz, die der Holzeinschlag bringt: 1.700 Bäume auf einer Fläche von 10 Hektar werden dieser Tage “geerntet”. Das sind rund 600 Festmeter Holz, der Erlös für sein Revier beträgt davon 16 Euro je Festmeter. Diese 600 Festmeter entsprechen 840 Raummetern, was dem Jahresheizbedarf von 56 Weilimdorfer Haushalten entspricht: “Durch das Fällen dieser Bäume und deren Weiterverarbeitung zu Brennholz sparen wir nun 168.000 Liter Öl und der Natur 487 Tonnen Kohlendioxid ein. Also werden im Schnitt etwa 8,5 Tonnen CO2 je Haushalt weniger freigesetzt!” Denn Holz ist ein nachwachsender Rohstoff – für die 1.700 gefällten Bäume werden rund um Weilimdorf im Frühjahr 2008 durch Bertram 1.000 neue gepflanzt, die übrigen steuert die Natur durch die natürliche Verbreitung der Baumsamen bei. Das Kohlendioxid der gefällten Bäume wird also wieder durch die neuen Bäume der Atmosphäre entzogen.

“In einem gebe ich der Kritik an dieser Arbeit vollkommen recht: es wird Geld gemacht – in vielen Bereichen wird hier von der Landesforstbehörde nur wirtschaftlich und nicht nachhaltig gedacht. Aber leider bleibt dieser Mehrwert nicht im Revier. Vielmehr verdienen die zahlreichen Zwischenhändler und Baumärkte daran, die Brennholz, Reisig und Holzpellets zu teuren Preisen weiterverkaufen!” so Bertram zu den Zeilen auf weilimdorf.de weiter. Geld fürs Holz weit über dem Marktniveau kann er mit seinem Holz also in keinem Falle einstreichen.

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