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Zehnter Stolperstein in Weilimdorf verlegt

In Weilimdorf wurde kürzlich der zehnte Stolperstein verlegt. Der Stein in der Kimmichstraße 17/Hopplaweg, erinnert an Gotthilf Raith, der im Dezember 1940 von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Gotthilf Raith wurde im Februar 1903 in Weil im Dorf in der Kimmichstraße 17 geboren. Vor uns liegt jetzt ein Gartengrundstück auf dem das kleine Wohnhaus der Familie Raith stand. Das Haus Nr. 17 wurde im 2. Weltkrieg durch eine Brandbombe zerstört. Nach dem Krieg wurde das Haus nicht wieder aufgebaut und das Grundstück vom Eigentümer der Nr. 15 käuflich erworben.

Gotthilf Raith wuchs mit 2 Schwestern, Else und Anna, auf. Sein Vater Christian Raith, das hat meine Recherche ergeben, war mit Christiane, geborene Scheel verheiratet. Der Vater war Fabrikarbeiter. Sein Sohn war gelernter Schuhmacher und hat vermutlich beim Schuhmacher Jakob Gall gearbeitet, der sein Geschäft hier in der Nähe hatte. Gotthilf blieb ledig.

Im Mai 1931 wurde Gotthilf wegen seiner geistigen Behinderung auf ärztliche Anordnung und im Einverständnis der Eltern in die Heilanstalt Christophsbad Göppingen eingewiesen. Er war zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt. Im Dezember 1940 wurde Gotthilf „verlegt“ nach Grafeneck. Das Wörtchen verlegt habe ich in meinem Text mit Anführungszeichen versehen. Nicht nur in das Krankenblatt von Gotthilf hat der zuständige Arzt dieses Wort verlegt mit Bleistift eingetragen, sondern durchweg bei den Patienten, die wegen einer körperlichen oder geistigen Behinderung zum Abtransport bestimmt waren. „Verlegt“ bedeutete den sicheren Tod. Der Verlegungsort wurde natürlich nicht angegeben. Aber es war den Ärzten und dem Pflegepersonal klar, wohin die Reise ging, nämlich nach Grafeneck.

Dieser Vermerk galt übrigens für alle Heilanstalten im damaligen Deutschen Reich auf Anordnung der Nationalsozialisten, die in Berlin-Tiergarten Nr. 4 in einer beschlagnahmten Villa eine Geheimorganisation unterhielten mit dem Namen „Aktion T 4“ (T wie Tiergarten Nr. 4). In diesem Haus wurden die Tötungsaktionen von so genanntem „unwerten Leben“ vorbereitet und vor Ort ausgeführt. Das heißt: Die behinderten Menschen, die den Nazis als unnötige Esser und Ballastexistenzen galten, wurden in den Anstalten in Tötungslisten erfasst. Dann fuhren die so genannten „grauen Busse“ vor, luden die auf den Listen erfassten Patienten ein und fuhren sie zu den Tötungseinrichtungen.

Die erste dieser Tötungseinrichtungen war im Schloss Grafeneck bei Münsing en, eine Einrichtung für Behinderte, die auf Befehl der Nationalsozialisten frei gemacht wurde, um sie dann als Tötungeinrichtung zu betreiben. Eine zur Gaskammer umgebaute Autogarage diente als Tötungsort. Im Jahr 1940 wurden 10.654 Behinderte im Rahmen der sog. „Euthanasie“ in Grafeneck ermordet. Ab Januar 1941 ging das Morden weiter in der Tötungseinrichtung Hadamar bei Limburg. Auch Gotthilf Raith war von den eben beschriebenen Maßnahmen und Vorgängen betroffen. Nachdem er 9 Jahre lang im Christophsbad in Göppingen „behandelt“ worden war, kam er im Juni 1940 für 5 Monate in die Psychiatrie nach Weissenau.

Am 5. Dezember 1940 wurde er mit anderen Todgeweihten in einem der grauen Busse nach Grafeneck transportiert und noch am gleichen Tag in der dortigen Gaskammer ermordet. Er wurde 37 Jahre alt. Als die Nachricht vom Tod ihres Sohnes die Familie Raith in Form eines sog. „Trostbriefes“ in Weilimdorf erreichte, habe Frau Raith geschimpft und geflucht über die Nazis. Die hätten ihren Sohn ermordet. Sie hatte Recht.

Zum Andenken an Gotthilf Raith hat Gunter Demnig, der Initiator des Projekts Stolpersteine, am 27. Oktober 2016, einen Stolperstein gesetzt. Mit dem Gedenken soll dem Naziopfer ein Stück seiner Menschenwürde zurückgegeben werden.

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