„Ich wollte immer Bezirksvorsteher werden“

(TOM) In den vergangenen Wochen war Bezirksvorsteherin Ulrike Zich bei zahlreichen Veranstaltungen „zum letzten Mal“ dabei. Beim Frühstückstreff für Frauen, das sie selbst ins Leben gerufen hat, ließ sie ihre Jahre bei der Stadt Stuttgart und insbesondere auch in Weilimdorf noch einmal aufleben und hatte immer wieder die Lacher auf ihrer Seite.

„Eine Ära geht zu Ende“ – Dieses geflügelte Wort wird immer wieder bei Abschieden bemüht. Und wenn es auf eine Person zutrifft, dann ist es Weilimdorfs Bezirksvorsteherin Ulrike Zich. In Mögglingen geboren, absolvierte sie ihr Studium in Stuttgart und trat direkt im Anschluss eine Stelle beim Hauptamt in Stuttgart an.

Die Verwaltungslaufbahn habe sie damals eingeschlagen, weil ihr ein Sporttrainer immer vorgeschwärmt habe, wie toll Verwaltung ist. Bei der Berufsberatung sei damals die Verwaltung dann auch auf Prio eins gestanden. „Da habe ich gedacht, dann probiere ich es mal“, erzählt sie. Nach dem Studium habe sie sich dann auf eine freie Stelle beim Sozialamt beworben. Statt besagter Stelle sei ihr aber ein Job im Hauptamt angeboten worden. Das Vorstellungsgespräch beinhaltete damals auch eine Arbeitsprobe. Danach sei sie, schon mal in Stuttgart, schoppen gegangen. „Die Zusage war noch vor mir zuhause angekommen“, erzählt sie lachend.

Ihre Karriere bei der Stadt Stuttgart begann dann im vierten Stock des Rathauses. „Ich hatte dort eine wunderbare Zeit und hochspannende Menschen kennengelernt.” Allen voran nannte sie den damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel und Bürgermeister wie Hansmartin Bruckmann, Prof. Hans-Dieter Künne, Dr. Hahn und Dr. Lang oder Fritz Buch. Alles Menschen, von denen man viel lernen konnte, wie Kommunalpolitik funktioniert, wie man Sitzungen leitet und zu Entscheidungen kommt.

Unter anderem sei sie in der Zeit auch bei verschiedenen Reisen der gemeinderätlichen Ausschüsse unterwegs gewesen. „So bin ich auch erstmals nach Amerika gekommen.“ Eine weitere Aufgabe der jungen Verwaltungsbeamtin war die Berichterstattung, über die in den Stadtbezirken durchgeführten Bürgerversammlungen, im Amtsblatt der Stadt Stuttgart. Hierbei habe sie die Bezirke und Stadtteile und deren Strukturen kennengelernt, was die Idee reifen ließ, selbst Bezirksvorsteherin zu werden. Die Arbeit im Hauptamt sei zudem eine gute Basis für die Tätigkeit als Bezirksvorsteherin gewesen.

Bezirksvorsteherinnen habe es damals noch nicht gegeben, die Bürgermeister waren allesamt männlich und auch die Amtsleiter waren bis auf eine Ausnahme im Gesundheitsamt ausschließlich Männer. „Wer Bezirksvorsteher ist, bleibt erst einmal in seinem Amt, es sei denn, er interessiert sich für einen größeren Stadtbezirk“, beschreibt Ulrike Zich die Situation. Genau das passierte 1989. Jürgen Lohmann, Bezirksvorsteher in Botnang hatte sich für das Amt in Möhringen beworben und ist auch gewählt worden.

„Damit war die Stelle in Botnang vakant und auf die haben sich viele beworben“, erzählt die Bezirksvorsteherin. „Ich habe erst einmal nichts gemacht.“ Nach einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses wurde mir ein Telefonat angekündigt. Da­bei sollte ich mir überlegen, ob ich meinen Hut in den Ring werfen wollte. Das Telefonat war freitags. Die Antwort musste wegen der Einhaltung der Bewerbungsfrist bis Montag vorliegen.

„Wir hatten dann ein unruhiges Wochenende“, erzählt sie weiter. Auch ihr Mann habe sich nicht so recht vorstellen können, wie das wird. „Bis dahin sind wir immer sehr früh aufgestanden, ich bin nach Stuttgart gefahren und abends sowie am Wochenende war frei.“ Für beide sei klar gewesen, dass sich das ändern würde. Hinzugekommen sei, dass es damals noch galt, als Bezirksvorsteher im Stadtbezirk zu wohnen. „Wir haben das dann mit der ganzen Familie bei einem Spaziergang besprochen und am Montag habe ich meine Bewerbung abgegeben.“

Was folgte waren Gespräche mit den Gemeinderäten und dem Bezirksbeirat. Mit im Rennen sei zu dem Zeitpunkt noch ein Abteilungsleiter des AföO und ein Kollege aus dem Hauptamt gewesen. Die Vorstellungsrunden bei den Gemeinderäten seien gut verlaufen. In Botnang war die Sache schwieriger. Manche hätte durchblicken lassen, dass sie sich schon anders entschieden haben. „Die Fragen, die damals in den Gesprächen gestellt wurden, würde man sich heute nicht mehr erlauben.” Schlagfertig war Ulrike Zich jedenfalls schon immer. Auf die Frage, was sie denn machen würde, wenn sie schwanger werde, sagte sie: „Dann werde ich Mutter“.

Nach der nichtöffentlichen Vorstellung im Verwaltungsausschuss, folgte die Vorstellung im Bezirksbeirat Botnang. Beim direkt im Anschluss abgegebenen Votum des Gremiums habe sie exakt Null Stimmen bekommen. Die Gemeinderäte hätten ihr trotzdem geraten, die Vorstellungsrunde im Gemeinderat mitzumachen. „Das habe ich dann auch getan und die Rede, frisch eingekleidet und ohne Stotterer zu Ende gebracht.“ Bei der anschließenden Wahl, habe die Stimmverteilung keinem der drei Bewerber die erforderliche Mehrheit gebracht. So wurde eine Stichwahl notwendig, die zu einem späteren Zeitpunkt stattfand.

Große Hoffnungen habe sie sich für die Stichwahl nicht gemacht, erzählt Ulrike Zich. „Ich habe an dem Tag einen Blumenstrauß gekauft, den ich dem Gewinner überreichen wollte.“ Während der Wahl habe sie in ihrem Büro gearbeitet. Ein Kollege habe ihr die Nachricht ihrer Wahl überbracht. Damit war sie Bezirksvorsteherin in Stuttgart und wie sie selbst lachend sagt: „Mein Mann der erste Prinzgemahl.“

Der Amtsantritt in Botnang war am 1. Juli 1989. Schon vorher war sie zur Einweihung eines dortigen Autohauses eingeladen. Der Autohausbesitzer, den sie aus ihrer bisherigen Arbeit kennengelernt hatte, hatte sie eingeladen. Dort habe sich die Zahl der Gesprächspartner auf die Vertreter der Stadtverwaltung und den Cateringservice beschränkt. „Alle anderen haben mich großräumig umgangen.“ Ulrike Zich ist trotzdem bis zum Schluss geblieben und hat versucht, alle einzeln anzusprechen. Ganz anders im Bezirksamt, dort hatte es Ulrike Zich nur mit Frauen, und einer „loyalen Stellvertreterin” – Erika Rosenitsch – zu tun. Auch für den Zuspruch, den sie von den Schulleiterinnen schon beim Antrittsbesuch erhielt, habe sie sehr gefreut.

Die anstehenden Sommerfeste habe sie genutzt, um die Protagonisten vor Ort kennenzulernen und bei der ersten Sitzung des Bezirksbeirates nach den Sommerferien wurden auch dort die Fronten geklärt. Auf der Tagesordnung stand die Vorstellung der Pläne für den Stadtbahnausbau nach Botnang (Tunnel). „Ich habe selbstverständlich keine Regierungserklärung abgegeben, aber klar gemacht, dass der Bezirksvorsteher derjenige ist, der dem Stadtbezirk dient und so habe ich meine Aufgabe auch immer verstanden.“

Als sie zehn Jahre später den Stadtbezirk verließ, der Abschied damals ist ihr nicht leicht gefallen, habe es zum Abschied sogar ein Ständchen vom Bezirksbeirat gegeben.

Nach Weilimdorf wurde Ulrike Zich damals förmlich abgeworben. Der erste Bezirksbeirat, der sie in Botnang besucht habe, sei Heiner Obermayer gewesen. Ihm folgten Waltraud Illner und Joachim Ludmann – letzterer mit Weilimdorfer Kartoffeln. Bevor die Entscheidung für Weilimdorf fiel, habe – wie schon bei der Causa Botnang – der Familienrat „getagt”. Wie die Entscheidung ausfiel, ist wohl jedem klar. Und das Wahlergebnis? Das war diesmal eindeutig.

Zum 1. Januar 1999 hat Ulrike Zich ihre neue Stelle als Bezirksvorsteherin in Weilimdorf angetreten. „Von Beginn an hatte ich das Gefühl, dass es gut war hierher zu kommen.” In Weilimdorf mit seinen sechs Stadtteilen, dem zweit größten Gewerbegebiet und der Landwirtschaft sei das Aufgabenspektrum deutlich breiter gewesen. „Was ich deutlich vermisst habe, war das Freibad. Davon gibt es in Botnang immerhin zwei, in Weilimdorf gibt es bis heute keines.“

Aber in Weilimdorf bestand schon ein vom BDS gut organisierter Weihnachtsmarkt. „Solche Dinge muss man unterstützen, sonst muss man sie selber machen“, weiß Ulrike Zich. Man müsse aber auch neue Dinge starten, ist sie überzeugt. Einen schnellen Start legte sie mit der Gründung der ARGE Weilimdorf – heute – Weilimdorfer Bürger und Organisationen e.V. (WBO) – hin. Nach der Gründung 1999 habe sich eine sehr gute Zusammenarbeit und ein toller Zusammenhalt der Mitglieder entwickelt und es sei selbstverständlich, dass man sich gegenseitig unterstützt.

Und es gibt noch viele weitere Dinge, die auf die Initiative von Bezirksvorsteherin Ulrike Zich zurückgehen. Genannt seien an der Stelle Veranstaltungen wie der Seniorenherbst, die Kindertage mit Kindersitzungen im Rathaus, die Ferienprogramme im Stadtbezirk, zahlreiche Zukunftsoffensiven, Kunstausstellungen, Autorenlesungen der Frühstückstreff und vieles mehr.
Während ihrer Amtszeit gab es auch zahlreiche bedeutende Projekte wie die Soziale Stadt Giebel, die Eröffnung des Treffpunkt Pfaffenäcker, zurückgehend auf das von ihr initiierte und organisierte Projekt „Hausaufgaben und Betreuung“ im Rahmen der Agenda Pfaffenäcker, die Sanierung des Alten Rathauses, die Planung zum Neubau der Stadtbahnlinie nach Hausen mit Betriebshofs und vieles mehr (wir berichteten in der letzten Ausgabe).

Und es gibt noch einige angefangene Baustellen, wie das Gebiet westlich der Solitudestraße, wo unter anderem das Bürgerhaus entstehen wird. „Das wird ein Haus sein, das man ehrenamtlich betreuen und bespielen muss“, so Ulrike Zich. „Ich hoffe, dass sich wie beim Alten Rathaus Engagierte finden, die dort Veranstaltungen durchführen.” Dass sich so viele Menschen ehrenamtlich engagieren, dafür ist Ulrike Zich sehr dankbar. Ohne den Aufschlag aus der Bevölkerung wäre z.B. die Sanierung des Alten Rathauses so nicht gekommen. Ausdruck dieser Dankbarkeit ist der jährlich durchgeführte Bürgerempfang, bei dem immer auch besonders engagierte und verdiente Weilimdorferinnen und Weilimdorfer geehrt werden. Genauso dankbar ist sie ihrem Team im Bezirksrathaus. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müsse man ihren Job machen lassen, sagt sie. Einen besonderen Dank spricht sie ihrer Stellvertreterin Erika Rosenitsch aus, „Wir zwei verstehen uns auch ohne Worte.“

Als Bezirksvorsteherin sei es ihr immer wichtig gewesen, die Leute mitzunehmen und die Dinge transparent zu machen. „Was die Leute nicht brauchen, muss man auch nicht machen“. „Man muss sich überlegen, wo der richtige Ort für einzelne Aktionen und Angebote ist.” Und es sei wichtig, dass der Bezirksvorsteher ansprechbar ist und weiß, was im Stadtbezirk los ist. Wer nichts erfahre, könne den Bürgern auch keine Antworten geben und nicht auf deren Bedürfnisse reagieren. In dem Zusammenhang hebt sie die unter OBM Dr. Schuster gepflegten Gesprächsrunden mit Bürgermeistern, Amtsleitern und Bezirksvorstehern positiv hervor. Der dabei gepflegte Austausch sei eine wichtige Basis für die Vernetzung in der Stadtverwaltung gewesen. Es mache Sinn, diese Treffen wieder zu beleben.

Und was kommt nun im Ruhestand. Ehrenamtlich ist Ulrike Zich u.a. noch als Vizepräsidentin des DRK Kreisverbandes Stuttgart tätig und auch ihren Posten als Aufsichtsratsvorsitzende der Baugenossenschaft Feuerbach-Weilimdorf hat sie noch inne. „Und dann freue ich mich vor allem darauf, endlich wieder einmal ein Buch am Stück lesen zu können.“ Einen Stapel mit Büchern aus der Kategorie „Geschichten, die das Leben schreibt“ und in denen man sich wiederfinden kann, habe sie schon bereitgelegt. Außerdem will sie sich im Ruhestand mehr bewegen – genauer Radfahren und laufen. Reiseziele in weiter Ferne habe sie nicht. Ein paar Städte in Europa stünden aber schon noch auf der Agenda und ansonsten ziehe es sie in die Berge.

Und wie sieht der Blick zurück auf ihr Berufsleben in wenigen Worten aus? „Ich wollte immer gern Bezirksvorsteher werden“, erklärt sie. Und weiter: „Es war ein großes Glück, Bezirksvorsteherin in Weilimdorf sein zu dürfen.“ 

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