Lernen zwischen Puzzles, Bauklötzen und Murmelbahn

Beim Deutschkurs im Flüchtlingskreis wird gemeinsam mit engagierten Ehrenamtlichen geübt. Foto: Ari

(ari/rah/na) Weilimdorf. In den Weilimdorfer Flüchtlingsunterkünften leben derzeit rund 1.100 Menschen – viele aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan, der Türkei, Nigeria und anderen Ländern. Ihr gemeinsames Ziel: Besser Deutsch sprechen, um den Alltagselbst ständig zu meistern.

Stadtweit gibt es verschiedene Kursangebote für Menschen, die Deutsch lernen wollen. Im Alltag fehlt aber oft die nötige Übung. Deshalb springen in Weilimdorf engagierte Ehrenamtliche ein und unterstützen Geflüchtete beim Lernen. Zu ihnen gehören auch Ramona und Klaus. Mehrmals pro Woche unterrichtet der Rentner Klaus im Seminarraum der Weilimdorfer Unterkunft.

Geduldig beantwortet er Fragen, erklärt Grammatikregeln, beruhigt Unsicherheiten und schafft eine Atmosphäre, in der Lernen leichtfällt. Die drei Lernenden, die er an diesem Nachmittag begleitet, könnten unterschiedlicher kaum sein – und genau das reizt ihn: Jede Person bringt ein eigenes Lerntempo, eine eigene Geschichte, eine eigene Art von Motivation mit. Klaus versteht es, darauf einzugehen, ohne Druck aufzubauen.

Dass er früher als Zimmermann und später in der IT gearbeitet hat, merkt man seiner ruhigen, strukturierten Art an. Ein Aufruf des Flüchtlingskreises brachte ihn dazu, als Ehrenamtlicher einzusteigen. Heute sitzt er abends oft noch am Schreibtisch und feilt an Arbeitsblättern, die er aus Fachbüchern, Online-Material oder eigenen Ideen zusammenstellt.

Beim Deutschkurs im Flüchtlingskreis wird gemeinsam mit engagierten Ehrenamtlichen geübt. Foto: AriBesonders freut ihn, wenn seine Lernenden plötzlich merken: „Ich kann das!“ — sei es ein richtig gesetzter Artikel oder eine selbst formulierte Nachricht. Klaus weiß, wie mühsam der Weg, eine Fremdsprache zu erlernen, sein kann, und genau deshalb bringt er so viel Geduld mit. Gleichzeitig geben ihm die Begegnungen selbst viel zurück: neue Perspektiven, spannende Lebensgeschichten und das Gefühl, Teil eines wichtigen Integrationsschritts zu sein. Eine der Schülerinnen von Klaus ist K. aus der Ukraine. „Heißt es “der”, “die”, oder “das” See?“, fragt Klaus. Mit verständnisvollem Augenzwinkern und großen und kleinen Armbewegungen erklärt er den Unterschied. K. nimmt diese kleine Hürde geduldig an.

Im Vergleich zu dem, was sie schon überstanden hat – Fliehen vor Raketen, allein mit ihren Kindern, Zurücklassen ihres Ehemannes im umkämpften Gebiet – und dem, was noch bevorsteht – Erlangen der Qualifizierung zur klinischen Psychologin und der Aufbau einer neuen Existenz im fremden Land – ist dieser feine grammatikalische Punkt nichts, was sie aus der Fassung bringt.

An Ehrgeiz, Fleiß, Kraft und Ausdauer fehlt es K. nicht: Sie wartet nicht, bis sie eine Zulassung und einen Platz für einen Integrationskurs bekommt. Stattdessen nutzt sie das Angebot des Flüchtlingskreises und beginnt jetzt schon, erst zwei Monate nach ihrer Ankunft in Deutschland, mit Klaus erste Vokabel-Listen zu erstellen. Das Lernen mit Klaus knüpft perfekt an ihren Onlinekurs an. Erst hört sie eine Vorlesung an ihrer ukrainischen Uni, dann klappt sie den Laptop zu und widmet sich den deutschen Vokabeln. Heute sind zirka 20 Nomen auf einem Arbeitsblatt zu übersetzen und der richtige Artikel dazu zu schreiben. Ein zweites Blatt mit Verben in Infinitivform wird sie über die Stunde hinaus beschäftigen.

Als Klaus gehen muss, bleibt K. noch im Lernraum, um für ihr Fach – klinische Psychologie – zu lernen. Solange die vier Kinder und die Schwiegermutter sie nicht im Zimmer brauchen, hat sie Zeit und vor allem Ruhe.

Auch die 36-Jährige Ramona unterstützt Geflüchtete in Weilimdorf — trotz 80-Prozent-Job bei einem Technologieunternehmen, zwei Kita-Kindern und einem vollen Kalender. Einmal pro Woche trifft sie sich mit der 28-jährigen Nour aus Syrien, oft mitten im Kinderchaos zwischen Puzzle, Bauklötzen und Murmelbahnen.

Was nach einem lockeren Treffen klingt, ist in Wahrheit konzentrierte Spracharbeit im Alltagstempo. Nour lebt mit ihrer Familie seit vier Jahren in der Weilimdorfer Einrichtung und besucht einen „Mama-lernt-Deutsch“-Kurs. Doch für Fragen im Alltag, Arztbesuche, Elterngespräche oder Anträge braucht sie mehr Sicherheit. Genau diese Lücke füllt Ramona – flexibel, unkompliziert und ohne festen Lehrplan.

Die Lehrerinnen von Nours Kindern berichten inzwischen, dass Nour durch die wöchentlichen Treffen deutlich sicherer geworden ist. Ramona arbeitet nicht mit klassischem Unterrichtsmaterial; die Themen ergeben sich aus Gesprächen, Situationen oder den Aufgabenblättern des Kurses.
So entsteht ein natürlicher Lernprozess, der direkt im Leben verankert ist. Für Ramona ist das Engagement keine Belastung, sondern ein Gewinn: Sie schätzt die kulturellen Einblicke, die Gespräche über Bräuche und Religion – und vor allem das Gefühl, jemanden auf dem Weg in ein neues Leben unterstützen zu können. Vermittelt werden solche Tandems durch den Flüchtlingskreis Weilimdorf – und gerade in einem wachsenden Stadtbezirk wie diesem wird weiterhin Unterstützung gebraucht.

Wer selbst auch Geflüchtete in Weilimdorf beim Deutsch lernen unterstützen möchte, kann sich gerne unter der E-Mail info@fluechtlingskreis-weilimdorf.de melden. Weitere Informationen gibt es auch auf der Webseite www.fluechtlingskreis-weilimdorf.org.

(na) Geschichten von Geflüchteten aus Weilimdorf

M. aus Syrien
M. formuliert einen Text für eine Postkarte aus dem Urlaub. Auf dem Deutscharbeitsblatt sind einige Begriffe und Redewendungen vorgeschlagen, andere muss er aus der vorherigen Leseübung auswählen. Es ist zwar nicht exakt das Themenfeld, das ein werdender Jurist für sein Berufsleben am nötigsten braucht, aber auch Alltagsfloskeln müssen ja gelernt sein.

Nach 18 Monaten in Deutschland und 10 Monaten Deutschkurs an der Volkshochschule kann M. fast unangestrengt sich auf Deutsch unterhalten. Dennoch kommt er auch zur Deutschstunde vom Flüchtlingskreis zum Üben und Erweitern seiner Kenntnisse. Er will endlich den Beruf ausüben, den er gelernt hat. Als syrischer Kriegsflüchtling in der Türkei konnte er das nicht. Dann, nach dem Erdbeben, musste er mit Frau und Kindern die Türkei verlassen. Noch hat er einen langen Weg vor sich, bis er als Anwalt in Asyl- und Migrationsrecht in Deutschland arbeiten kann. Für M. ist der Weg aber nicht zu lang. Die Sprachkenntnisse  will er in wenigen Monaten intus haben. Auch M’s Frau lernt fleißig Deutsch und bereitet sich darauf vor, in Deutschland als Erzieherin in einem Kindergarten zu arbeiten.

Sie darf momentan in der Kinderbetreuung der Flüchtlingsunterkunft arbeiten. Einige Dienste, wie Putzen der Flure, oder eben Kinderbetreuung, werden von den Einwohnern der Unterkunft übernommen.

Auf die Frage was er in Deutschland gut findet und was eher nicht sagt M spontan: „Das Wetter”. Er muss aber auch nicht nachdenken, um zu sagen, was er gut findet: Die Sicherheit und dass seine Familie und er endlich in Sicherheit sind. „Und auch die Schulen für die Kinder”, fügt er hinzu. Und dass seine Frau sich beruflich entwickeln kann. Wenn sie nur eine richtige Wohnung finden könnten, wäre alles perfekt.

H. eine Kurdin aus der Türkei

Sie kann Deutsch, man muss sie aber überraschen. Wenn sie zu lange nachdenkt, dann weiß sie nur, was sie alles nicht weiß. Sie antwortet spontan, wenn der ganzen Gruppe eine Frage gestellt wird. Spricht man sie direkt an, verliert sie den Mut, Deutsch zu sprechen. Ihr Perfektionismus hindert sie; sie will ja keine Fehler machen! H. lernt Deutsch bei der AWO und übt darüber hinaus im Kurs des Flüchtlingskreises. Heute bekommt sie ein Arbeitsblatt, auf dem ein Lesetext eine Reise beschreibt. Nach der Leseübung soll sie eine Urlaubspostkarte an eine Freundin schreiben.

H. kommt aus der Türkei und ist seit 18 Monaten in Deutschland. Sie spricht Türkisch und Kurdisch und jetzt ein kleines bisschen Deutsch. Ihr ist die Sicherheit in Deutschland das Allerwichtigste.

Im kleinen Zimmer in der Unterkunft kommen sie und ihre Kinder zu recht, aber sie hoffen auf eine Wohnung mit getrennter Küche und Schlafräumen. Ein Jahr musste sie auf einen Platz im Deutschkurs warten. Um keine Zeit zu verlieren, lernte sie zu Hause mit einer App. Jetzt zahlt sich ihre Anstrengung aus, denn schon nach zwei Monaten im Kurs arbeitet sie auf die B1-Prüfung hin. Und was will sie mit ihren gewonnenen Sprachkenntnissen anfangen? „Ich werde Altenpflegerin., sagt sie.

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