(DF) Es gibt kaum ein Mädchen oder auch ein paar wenige Jungen in Weilimdorf und Umgebung, denen der Name Anca Popescu nicht bekannt ist.
So viele Kinder, so viele Jugendliche hat die ehemalige Solistin und Profi-Tänzerin der Staatsoper Bukarest in eine Welt des klassischen Tanzes geführt, die sie zuvor nicht kannten. Und darüber hinaus hat sie ihren Schülern Haltung gelehrt – nicht nur an der Ballettstange im Trainingssaal, sondern eine Haltung, die Charaktere in ihrem Alltag geprägt haben. Nach nun mehr 35 Jahren beendet die gebürtige Rumänin ihre Tätigkeit als Ballettlehrerin. Damit verliert die SG Weilimdorf nicht nur eine erstklassige Mitarbeiterin, sondern eine gesamte Abteilung, das Solitude-Ballett.
Wenn man ihre Tänzerinnen oder Tänzer fragt, was sie so sehr an Anca Popescu schätzen, sind sie sich einig: Es ist ihre unermüdliche Art die Eleven an ihre Grenzen zu bringen, sie gemäß ihren Möglichkeiten auf professionelle Weise zu fördern. So hat sie über Jahrzehnte Träume und Ballettmärchen wahr werden lassen, die jährlich in der Stadthalle Korntal auf die Bühne gebracht wurden. Schwanensee, der Nussknacker, der gestiefelte Kater, Froschkönig, die Salzprinzessin, Schneewittchen oder die Schöne und das Biest waren dabei Stücke, teils so perfekt, dass es fast schade war, dass eine solche Aufführung nur einmal stattgefunden hat. Quasi perfekt auch deshalb, weil der Profi-Tänzer Alin Radau von der Staatsoper Temeschburg in Rumänien als Solist das Solitude-Ballett unterstützte. Ebenso spielten die facettenreichen Kostüme eine besondere Rolle, die allesamt von Lian Hägele in stundenlanger Handarbeit angefertigt und den Tänzern auf den Leib geschneidert wurden. Bei nahezu jedem Fest auf dem Weilimdorfer Löwenmarkt war das Solitude-Ballett viele Jahre lang fester Bestandteil, wobei es das kulturelle Leben des Stadtbezirks in besonderem Maße geprägt hat.
Anca Popescu unterrichtet seit 1990 in Weilimdorf Ballett
Das alles ist einer Person zu verdanken: Anca Popescu, die im Jahr 1990 den Grundstein für diese Erfolgsgeschichte legte. Sie war Anfang der achtziger Jahre mit ihrem Mann Victor und den beiden Kindern Irina und Stefan nach Deutschland ausgewandert. Zuvor war sie Tänzerin der Staatsoper Bukarest, wobei sie auch mit dem Staatsballett um die Welt reiste. In Deutschland hegte sie den Traum von der eigenen kleinen Ballettschule. Die SG Weilimdorf zeigte sich offen für die Idee. Zunächst wurde daher das Leistungsangebot der Turnabteilung mit Ballett-Unterricht erweitert. Doch das Interesse zahlreicher Kinder und Jugendliche wuchs nahezu explosionsartig. Der Unterricht bei Anca Popescu war für viele Familien erschwinglich, weshalb die SG Weilimdorf den Traum einer eigenen Abteilung im Jahr 1992 wahr werden ließ. Zeitweise unterrichtete Anca Popescus mehr als 100 Kinder und Jugendliche in Sachen Ballett.
Und damit nicht genug: Sie ging Kooperationen mit anderen Ballettschulen ein. Es entstand eine Partnerschaft mit der Ballettschule „Escuola die Danza Classica e Moderna ESPACE“ in Pisa. 1992 folgte die Aufführung in der Stadthalle Korntal. Für die jungen Tänzer des Solitude-Balletts war es ein ganz besonderer Moment. Sie sahen, wie Gleichaltrige anderer Nationen tanzten, was ihren Horizont und ihr Können erweiterte. Sie genossen den kulturellen Austausch und das Miteinander.
Kooperationen mit Ballett-Schulen in Deutschland und Italien
Weitere Kooperationen folgten wie etwa mit der Königsteiner Ballettschule, Ballettschulen in Aschaffenburg, Udine, Mannheim oder Malcesine am Gardasee. Mehrmals nahm die Ballett-Abteilung beim Festival „Tanz ohne Grenzen“ teil. Bei Workshops wurden gemeinsame Tänze erarbeitet, die anschließend auf die Bühne gebracht wurden beispielsweise in Königstein oder auch im italienischen Padova sowie in Malcesine. Zusätzlich nahm die Ballett-Abteilung beim zweiten Internationalen Tanzfestival in Spittal an der Drau in Österreich teil. Das Festival fand unter der Schirmherrschaft des Kulturreferats von Spittal statt. Mehr als 200 Tänzer aus vier Ländern haben auf professionellem Niveau getanzt.
2007 von der Stadt Stuttgart ausgezeichnet
Für ihr Engagement wurde Anca Popescus 2007 von der Stadt Stuttgart und dem damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Schuster für ihren Beitrag an der Integration von Jugendlichen im kulturellen Leben ausgezeichnet.
Dass die jungen Tänzer mehr lernen, als es im Ballett-Raum in der Lindenbachhalle möglich war, war Anca Popescu stets ein besonderes Anliegen. Mehrmals bot sie ihren Schülern kulturelle Bildungsreisen an beispielsweise nach Paris, London oder Wien, wo man zum einen gemeinsam eine Ballett-Vorstellung des Staatstheaters besuchte, zum anderen am Training einer lokalen Ballettschule teilnahm. Keine Selbstverständlichkeit, wie ihre Schüler empfanden. Anca Popescu machte das einfach so und nebenbei.
Die Familie stand immer hinter ihr
Unterstützung erhielt sie all die Jahre hinweg von ihrem Ehemann Victor, der ihr immer zur Seite stand und bei Aufführungen beispielsweise die Technik geregelt hat oder auch die beiden mittlerweile erwachsenen Kinder Irina und Stefan, die hinter der Bühne mithalfen. Zu erwähnen ist aber auch Gabriele Metsker, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmerte oder das Ehepaar Lian und Wolfgang Hägele, die Anca Popescu ebenfalls immer unterstützten.
Im Ballett spricht der Tanz und am Ende einer jeden Aufführung der Applaus. Doch das, was Anca Popescu für ihre Mädchen an Einsatz gezeigt hat, verdient nicht nur Applaus, sondern mindestens „Standing Ovations“, da sind sich ihre Tänzerinnen einig.

