Politik zum Anfassen in Weilimdorf: Podiumsdiskussion im Solitude-Gymnasium zur Landtageswahl war ein voller Erfolg

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl brachte Kandidatinnen und Kandidaten mit jungen Wähler*innen und Weilimdorfer*innen ins Gespräch. Foto GOEDE

(RED) Nach dem großen Zuspruch zur Podiumsdiskussion anlässlich der Bundestagswahl 2025 am 22. Januar 2025 setzt der Verein „WEIL für Demokratie und Zusammenhalt“ sein Engagement fort.

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl brachte Kandidatinnen und Kandidaten mit jungen Wähler*innen und Weilimdorfer*innen ins Gespräch. Foto GOEDEGemeinsam mit dem Jugendrat aus Weilimdorf und der SMV des Solitude-Gymnasiums wurden die Landtagskandidatinnen und -kandidaten des Wahlkreises zur Landtagswahl in Baden-Württemberg am 8. März 2026 zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion eingeladen. Ziel war es, Politik vor Ort erlebbar zu machen und insbesondere jungen Menschen eine Stimme im Wahlkampf zu geben. Die Chance nahmen mehr als 250 Besucher*innen auch wahr, die Aula des Gymnasium war bis zum letzten Platz besetzt.

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl brachte Kandidatinnen und Kandidaten mit jungen Wähler*innen und Weilimdorfer*innen ins Gespräch. Foto GOEDEDurch den Abend führten Peter Reinhardt (bekannt als Multiplikator für den Stuttgarter Bürgerhaushalt in Weilimdorf) und Georgii Marinin (SMV des Solitude-Gymnasiums), die als souveräne Moderatoren überzeugten. Auf dem Podium vertreten waren Kandidatinnen und Kandidaten aus dem gesamten politischen Spektrum: Gabriele Heise (FDP), Oliver Hildenbrand, MdL (Bündnis 90/Die Grünen), Utz Mörbe (Die Linke), Laura Streitbürger (SPD), Shajeevan Thavakkumar (CDU) sowie Andreas Mürter (AfD).

Drei Themenschwerpunkte

Inhaltlich standen drei Themen im Mittelpunkt, die die Menschen in Weilimdorf und im Stuttgarter Norden besonders bewegen. Zum einen ging es um Bildung und Startchancen für junge Leute – ein Thema, das angesichts von Lehrermangel, Digitalisierung und Chancengleichheit hohe Aktualität besitzt. Als zweite Frage wurde diskutiert: Wie geht es weiter mit dem Wirtschaftsstandort Stuttgart und speziell Weilimdorf? Dabei standen Arbeitsplätze, Innovation und die Zukunft des lokalen Gewerbes im Fokus. Als dritten Schwerpunkt richtete sich der Blick auf ein besonders sensibles Thema im Stadtbezirk: Die geplante Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) am Mittleren Pfad. Unter der Überschrift „Die LEA kommt, Befürchtungen bleiben – was tut das Land?“ sollten Sorgen der Bevölkerung ebenso wie Lösungsansätze der Politik offen angesprochen werden.

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl brachte Kandidatinnen und Kandidaten mit jungen Wähler*innen und Weilimdorfer*innen ins Gespräch. Foto GOEDEBei der Frage nach der Bildung gab Oliver Hildenbrand (GRÜNE) als Antwort, dass Baden-Württemberg in den letzten Jahren klar zurückgefallen sei, doch „der Trend hat sich nachweislich gedreht“. Er will sich für Chancengerechtigkeit einsetzen, weder der Geldbeutel noch die Herkunft sollten darüber entscheiden. Er verwies auch auf das neu aufgelegte Programm „Sprach FIT“ der Landesregierung, dass für Kinder mit schlechten Chancen aufgelegt wurde und der Sprachförderung diene: „Die Situation der Kinder und Jugendlichen ist sehr ernst zu nehmen, die junge Generation  muss in Baden-Württemberg eine gute und verlässliche Zukunft haben“, so Hildebrand. Dazu gehöre auch, die mentale und psychische Gesundheit der jungen Menschen zu sichern, ihm sei bewusst, dass Therapieplätze sehr schwer zu bekommen seien.

Andreas Mürter (AfD) sieht bei der Bildung ebenfalls hohen Nachholbedarf. Er beobachte in seinem Unternehmen bei Einstellungsgesprächen, deren Tests die gleichen wie vor zehn Jahren seien, immer schlechtere Ergebnisse erzielt würden, es fehle an Politikwissen, Mathematik und allgemeinen Themen. „Die Firmen haben aber nicht den Bildungsauftrag“, so Mürter – und fordert, die Schulen von „Ideologie“ zu befreien. Statt Regenbogenflaggen sollten Deutschlandfahnen angebracht werden, vor allem in den Schulen. Mürter fügte dem hinzu, dass Deutschland als „Land der Dichter und Denker“ einen Nationalstolz zu entwickeln habe.

Gabriele Heise (FDP) forderte in der Bildung „die Durchlässigkeit an den Schulen zu erhöhen“, fügte zu der Forderung von Mürter an, dass die „Qualität der Bildung nicht von der Flagge, sondern vom Personal und den Lehrern abhänge“: „Das ist zu kurz gesprungen!“, so ihre Feststellung. Die Bildung müsse vom Elternhaus abgekoppelt werden, Gemeinschaftsschulen seien zudem kein Allheilmittel, die Grundschulempfehlung müsse wieder eingeführt werden, die Schulen stark gemacht werden für die Digitalisierung – auch müsse die Prämisse „kein Abschluss ohne Anschluss“ gelten.

Laura Streitbürger (SPD) fordert für die Kinder und Jugendlichen eine umfassende Betreuung in Kindergärten und Schulen, die Kommunen dürften nicht wie zuletzt in Stuttgart geschehen über die Bildung und deren Finanzmittel entscheiden. Der Artikel 1 im Grundgesetz gelte auch für Kinder – die Bildung muss daher komplett kostenfrei sein, auch in der Kita: „Sonst lassen Eltern, die das nicht bezahlen können, ihre Kinder daheim“, so ihre Feststellung. Neben mehr Lehrern fordert sie zudem, dass in den Schulen mehr Sozialarbeit geleistet werden müsse: „Wir brauchen Beziehungskontinuität“.

Utz Mörbe (LINKE) befand, dass es nicht nur um das Abitur als Schulabschluss gehen solle, sondern man müsse die Bildung darauf ausrichten, „was das Kind kann“, Behinderte (zu denen er selber gehöre) müssten integriert werden und nicht in „eigene“ Schulen abgeschoben werden: „Alle Kinder sollen auf die gleiche Schule gehen, jedes Kind soll die Schule mit einem Abschluss verlassen“, so Mörbe. Auch will er sich dafür einsetzen, dass Hausaufgaben abgeschafft werden, denn diese seien abhängig von Geldbeutel und Herkunft: „Die Kinder sollen in einer Ganztagsschule betreut werden, danach Freizeit haben und Zeit für Freunde“.

Shajeevan Thavakkumar (CDU) will, dass es nur noch drei Schulabschlüsse geben solle, die Durchlässigkeit innerhalb der verschiedenen Schulzweige müsse erhöht werden – vor allem sollten aber die unterschiedlichen Schularten gefördert werden: „Wir brauchen die Werksrealschulen, irgendwoher müssen die Handwerker ja kommen“, so ein Fazit.

Beim Thema „Wirtschaft“ waren sich alle Kandidaten einig, dass der Stuttgarter Norden eigentlich mit Weltunternehmen („Global Playern“) wie Mittelstand und Handwerk sehr gut aufgestellt sei, die Region habe hohes Potential für neue Ansätze. Es müsse aber auf den Strukturwandel geachtet werden, man solle die „Unternehmen machen lassen“. Zwar würden verbreitet derzeit Entlassungen vorbereitet, doch dies sei der falsche Weg: „In Kürze braucht man diese Mitarbeiter doch wieder“. Man müsse mehr Geld in Forschung und Entwicklung stecken, die Bürokratie abbauen, Steuern für Unternehmen senken statt sie anzuheben. Auch müsse die Infrastruktur erhalten bleiben. Größter Unterschied war letztlich bei allen Kandidaten, dass diese nicht mit dem Vorschlag von Mörbe mitgehen konnten, den Mindestlohn auf 17 Euro anzuheben und Unternehmen durch die Mitarbeiter zu „vergesellschaften“. Kopfschütteln wie Lacher gab vom Publikum es für die Aussagen von Andreas Mürter (AfD), dass Deutschland die Weiterentwicklung von Verbrennermotoren nicht aufgeben dürfe – „sonst kommen die alle aus China“. Immerhin sauge sein Diesel „vorne mehr dreckige Luft ein als hinten raus kommt“. Oliver Hildenbrand (GRÜNE) kommentierte sachlich korrekt diese Behauptung: „Herr Mürter, China baut überwiegend E-Autos, nicht Verbrenner“. Es sei der falsche Weg, die Zuversicht durch falsche Fakten „Wegzureden“.

Beim Thema LEA zeigten sich mit Ausnahme von Mörbe (LINKE) alle Kandidaten unglücklich darüber, dass die Einrichtung kommen wird, der Standort sei falsch. Zwar habe Oberbürgermeister Nopper „nicht schlecht verhandelt“, es wurde zugesagt, dass reguläre Flüchtlingsunterkünfte in Stuttgart bzw. Weilimdorf zurückgefahren werden sollen. Die LEA würde umfassend mit Zäunen, Security und Polizei abgesichert, Flüchtlinge würden nicht in die Arztpraxen von Weilimdorf kommen, sondern in der Einrichtung behandelt. Auch würden bekanntlich Landeserstaufnahmeeinrichtungen „geschlossen“ sein, die neuen Flüchtlinge würden hier auf Ihre Asylanträge hin geprüft und dann in Flüchtlingsunterkünfte im Land verteilt: „Es wird hier keine Integrationsarbeit geleistet, nur der Anspruch auf eine Aufnahme geprüft“. Es müsse aber dringend an der Kommunikation mit den Menschen in Weilimdorf gearbeitet werden, die Politik müsse „offen und ehrlich sein“, sonst würden die Bürger*innen nicht „abgeholt“, wenn man sie nicht umfassend mit einbindet. Während sich alle Kandidaten um Aufklärung wie Inhalte zur LEA bemühten, wurden die Aussagen von Andreas Mürter (AfD) bei diesem Thema „scharf“: „Wir wollen keine LEA“, es gebe in Weilimdorf nun Schießereien, der Bezirksbeirat tage geheim, die Streetworker seien überfordert bzw. sind zu den falschen Zeiten vor Ort, Waffen würden illegal ins Land kommen. Dennoch forderte er, dass das Waffenrecht nicht verschärft werden solle. „Die AfD will Volksentscheide, und mit so einem Entscheid würde die LEA nicht kommen“, so Mürter. Hildebrand warf Mürter daraufhin eine „perfide Strategie“ vor: der Runde Tisch ist angekündigt, die Gesprächsangebote mit der Bevölkerung kommen ebenso, dies sei hier kein Raum für falsche Informationen. Auch habe man in Deutschland eine humanitäre Verantwortung, zudem sei Stuttgart die Wiege der Streetworker und der Mobilen Jugendarbeit: „Wir sind sehr froh, dass wir sie haben!“, so Hildebrand – und bekam vom Publikum dafür Applaus.

Fragenkomplex der Jungwähler

Podiumsdiskussion zur Landtagswahl brachte Kandidatinnen und Kandidaten mit jungen Wähler*innen und Weilimdorfer*innen ins Gespräch. Foto GOEDEDen Abschluss bildeten die drei Fragen der jungen Wähler*innen und Weilimdorfer*innen vom Solitude-Gymnasium, die von den Wahlkreiskandidaten beantwortet werden sollten: Zum einen „Welche Ideen haben Sie, um die Jugendbeteiligung in der (Landes-) Politik zu stärken?“, des weiteren mit „Wie stehen Sie zu einem Social Media Verbot / einer Altersbeschränkung?“ und die die Jugend sehr bewegende Frage „Wie stehen Sie zur Wehrpflicht?“

Bei den Fragen der Schüler*innen zeigten alle Kandidaten Freude darüber, dass Jugendliche nun ab 16 Jahren schon wählen dürften – und Baden-Württemberg als erstes Land auch Jugendliche als „Wählbar“ gemacht hat. Alle Parteivertreter forderten die Schüler und Schülerinn auf, sich in den Jugendorganisationen der Parteien umzusehen und dort zu engagieren, wo sie meinen, richtig aufgehoben zu sein. Denn letztlich gelte, dass junge Menschen von den heutigen politischen Entscheidungen am längsten in ihrem Leben betroffen sind.

Alle Kandidaten sprachen sich auch gegen ein Verbot der Sozialen Medien aus, befürworteten aber, dass Medienbildung elementar wichtig sei und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Netzwerken dazu gehöre und nicht Gewalt und Hetze.

Beim Thema Wehrpflicht sahen alle Kandidaten einen Dienst an der Waffe kritisch. Es ginge zwar nun erst einmal nur darum zu ermitteln, wer überhaupt in Frage komme und Interesse an der Bundeswehr habe – auch sei die Wehrpflicht ja nur ausgesetzt und nicht abgeschafft worden. Statt des Wehrdienstes müsse aber auch die Option des sozialen Ersatzdienst angeboten werden – nicht nur für die Jugend, sondern auch für die ältere Generation, als auch gleichberechtigt für Männer und Frauen. Deutschland brauche angesichts der geopolitischen Entwicklungen aber wieder eine Verteidigungsarmee, man könne sich den Luxus der letzten Jahre einfach nicht mehr leisten, gar nichts zu machen.

GRÜNE und FDP Gewinner des Abends

Das Publikum wurde vor der Podiumsdiskussion per QR-Code Online-Umfrage zu ihren Wahlpräferenzen gefragt – und danach. Mehr als Zweidrittel der Teilnehmer nahmen teil. Es gab zwei  (nicht für Weilimdorf repräsentative, aber für den Abend nachweisliche) „Gewinner“: OIiver Hildebrand (MdL, Bündnis 90/Grüne) konnte seine Befürwortung für den Fall dass „am nächsten Sonntag Landtagswahl wäre“ von 46 auf 54 Prozent steigern, Gabriele Heise (FDP) legte von 8 auf 25 Prozent zu. Alle übrigen Kandidaten haben das Publikum an diesem Abend nicht überzeugt: Utz Mörbe (die LINKE) verlor von 7 auf 4 Prozent, Andreas Mürter ebenfalls von 7 auf 4 Prozent, Laura Streitbürger verlor von 13 auf 5 Prozent, Shajeevan Thavakkumar (CDU) sank von 15 auf 5 Prozent. Andere Parteipräferenzen als die der anwesenden Vertreter hatten vor der Diskussion 4 Prozent, danach nur noch 3 Prozent.

Mit der Podiumsdiskussion schafften die drei Veranstalter erneut einen Raum für sachlichen Austausch, kontroverse Debatten und direkte Begegnungen. „WEIL für Demokratie und Zusammenhalt“ setzt damit ein klares Zeichen für demokratische Kultur im Stadtbezirk – getragen von der aktiven Beteiligung junger Menschen und unterstützt von Schule und Zivilgesellschaft.

Die Veranstaltung war nicht nur der Startschuss, sondern sicherlich zugleich der Höhepunkt im lokalen Wahlkampf zur Landtagswahl am 8. März – politisch relevant, bürgernah und mitten in Weilimdorf.

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