Wie sehen Handel und Gewerbe im Stadtteil in der Zukunft aus?

(tom) WeilAktiv Ak­tionsgemeinschaft Weilimdorf hat zum Forum Politik in die Räume der Firma Mannsdörfer eingeladen. Nach einem Impulsvortrag von Martin Eisenmann von der IHK Stuttgart zur Situation im Einzelhandel und im Gewerbe fand eine rege Diskussion statt.

Wie sieht die Zukunft von Einzelhandel und Gewerbe insbesondere in Weilimdorf aus? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Forum Politik, zu dem WeilAktiv Aktionsgemeinschaft Weilimdorf eingeladen hatte, eingehend. Marcus Mannsdörfer und Kris Dujmic, die Vorsitzenden der Aktionsgemeinschaft, konnten zu der Veranstaltung neben dem Referenten des Abends, Martin Eisenmann, auch Bezirksvorsteherin Ulrike Zich sowie Vertreter aus dem Gemeinderat, dem Bezirksbeirat und zahlreiche Mitglieder der Aktionsgemeinschaft begrüßen.

„Wir werden täglich von Themen erschlagen, die uns Sorge machen“, hielt Mannsdörfer in seiner Begrüßung fest. Viele dieser Probleme seien nicht auf städtischer Ebene zu lösen. „Es gibt aber auch zahlreiche Probleme, die uns hier betreffen“, so Mannsdörfer weiter. „Stadtteile bluten aus“ oder „Der Handel schlägt Alarm“ nannte er an der Stelle nur zwei Schlagzeilen. Genau über die Problematik wolle man nach dem Impulsvortrag von Martin Eisenmann sprechen.

Nach einem kurzen Vortrag, in dem die beiden Vorsitzenden die Tätigkeitsfelder der Aktionsgemeinschaft vorstellten, ging Eisenmann auf die aktuelle Situation im Einzelhandel und im Gewerbe ein. Und er startete gleich mit einem Lob für die Aktionsgemeinschaft. „Weil Aktiv gehört zu den Gemeinschaften, von denen sich andere etwas abschneiden können.“

Corona hat den Wandel beschleunigt

Mit seiner Standortbestimmung startete Eisenmann noch vor Corona. Schon davor habe sich das Verkaufsverhalten der Menschen verändert. „Die Kundenloyalität hat abgenommen und der Wunsch nach unbegrenzter Auswahl und sofortiger Erfüllung von Wünschen hat zugenommen“, so Eisenmann. Dass die Auswahl zugenommen hat, sei auf die wachsenden digitalen Angebote zurückzuführen und diese Angebote seien zunächst vorwiegend von der jüngeren Generation genutzt worden. Inzwischen hätten die älteren Kunden die digitalen Möglichkeiten auch für sich entdeckt. „Das Ergebnis ist, dass der Wettbewerbsvorteil von den Großen noch größer geworden ist.“ Kleinere Unternehmen hätten mit Umsatzrückgängen zu kämpfen – bei steigenden Personalkosten und steigenden Bezugspreisen. Die Margen würden dadurch immer geringer. Hinzu komme nun, dass Fremdkapital teurer wird, die Energiepreise steigen, die globalen Lieferketten ins Stocken geraten und es zudem immer schwieriger werde, gutes Personal zu bekommen.

Die genannten Probleme hätten sich durch Corona und jetzt durch den Ukrainekrieg zusätzlich verstärkt, so Eisenmann weiter. An kleineren Standorten wie zum Beispiel in Weilimdorf spiele auch das Thema Erreichbarkeit eine wichtige Rolle. In der Großstadt gebe es zwar einen gut funktionierenden ÖPNV. „Aber wer transportiert einen Sessel schon in der Stadtbahn“. Nicht zuletzt deshalb sei es wichtig bei Verkehrsdiskussionen auch über das Thema Individualverkehr nachzudenken.

Mit Blick auf Weilimdorf hielt Eisenmann fest, dass Stuttgart derzeit dabei sei, das Zentren- und Einzelhandelskonzept fortzuschreiben. Vor 15 Jahren habe das Zentren- und Einzelhandelskonzept Weilimdorf noch eine sehr gute Versorgung bescheinigt, mit Umsätzen von 110 Millionen Euro im C-Zentrum in der Ortsmitte und den beiden E-Zentren in der Kaiserslauterer Straße und in Giebel. Die Aktuellen Erhebungen hätten ergeben, dass die Anzahl der Einzelhändler seitdem um ein fünftel zurückgegangen ist, die Verkaufsfläche hingegen zugenommen hat. Die Hälfte der Verkaufsfläche sei aber nicht integriert, sondern befinde sich weiter draußen.

„Wenn es Dinge gibt wie die Inflation, die wir hier nicht beheben können, sollte die Maxime sein, Handel und Gewerbe wenigstens vor Ort möglichst wenig entgegenzustellen“, fasste Eisenmann zusammen. Wenn man über Nachhaltigkeit und sozialen Zusammenhalt spreche, brauche das viel Zeit, Energie und vor allem Geld. Und dieses Geld komme zu großen Teilen von privaten Unternehmen. Jede Planung, die umgesetzt wird, werde aus dieser Wertschöpfung finanziert und deshalb müssten die Themen so angegangen werden und gestaltet sein, dass Unternehmen damit überleben können. „Das muss man immer vor Augen haben.“

Unterstützung durch Politik und Verwaltung

Das erste Thema, das Mannsdörfer in der anschließenden Diskussion ansprach, war das Thema Unterstützung von Handel und Gewerbe durch Politik und Verwaltung und hier insbesondere die Erreichbarkeit der Ämter. Ämter seien teilweise einfach gar nicht erreichbar. so Mannsdörfer. Es sei bekannt, dass Mitarbeiter auch in der Verwaltung fehlen. Er wollte wissen, ob es eine Perspektive gebe, wie man mit dem Thema umgehen kann. Bezirksvorsteherin Zich erläuterte, dass im Sozialamt derzeit 70 bis 100 Beschäftigte fehlen. Und es gebe Verwaltungsbereiche, bei denen es noch kritischer aussieht. Es gebe zwar viele Bewerber, aber nur wenige mit der entsprechende Qualifikation.

In dem Zusammenhang hielt Mannsdörfer fest, dass die Digitalisierung von Verwaltungsabläufen da sicher hilfreich wäre. Bereits digitalisierte Abläufe seien derzeit aber noch sehr kompliziert. Hier sei zu überlegen, wie man das besser machen könne. Gemeinderat Michael Schrade erklärte, dass die Verwaltung dabei sei das Thema Digitalisierung voranzutreiben. Man habe dafür sogar ein neues Amt geschaffen. Allerdings seien viele Abläufe auch vom Bund abhängig und da komme man dann nicht weiter. Letztlich müsse die Digitalisierung dazu führen, dass man in der Verwaltung die Mitarbeiter, die man nicht mehr findet, auch nicht mehr benötigt. Eisenmann hielt fest, dass Digitalisierung in Verwaltungsabläufen Effizienzgewinn bringe und das sei wichtig, dass die Verwaltung ihrem Dienstleistungsauftrag nachkommen kann. Das Thema Erreichbarkeit per Telefon ist für Eisenmann nicht zuletzt eine Haltungsfrage und wie man sich dem Bürger gegenüber gibt.

Sicherheit und Sauberkeit

Weitere Themen, die Mannsdörfer ansprach, waren Sicherheit, Sauberkeit und Leerstandsmanagement. Leerstände hätten auch damit etwas zu tun, wie attraktiv ein Standort ist. Dujmic ergänzte, dass Sicherheit und Sauberkeit für die Bürger wichtige Aspekte seien. Zum Thema Leerstände kam aus der Versammlung der Vorschlag, doch Schaufenster von Kindern gestalten zu lassen, was sofort positiv aufgenommen wurde. Der Leiter der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart, Bernhard Grieb, meinte, dass Weilimdorf als kinderreichs­ter Stadtteil Stuttgarts mit der Umsetzung auch Außenwirkung erzielen könne. Für solche Aktionen gebe es auch Töpfe. Er könne diesbezüglich gerne Input geben.

Ein Vorschlag war auch eine Wasserrinne für Kinder zu installieren. Das sorge sicher auch für mehr Attraktivität. Bezirksvorsteherin Zich meinte, man könne über eine solche Rinne nachdenken, wenn sie mobil sei. In dem Zusammenhang wies sie darauf hin, dass man für die Wasseranschlüsse bei Festen eine Alternative brauche. Wenn die Leitung lange nicht genutzt wird, bestehe die Gefahr, dass es zu Verunreinigungen kommt. Man müsse sich aber auch bewusst machen, dass so eine Rinne auch Wasserkosten verursacht, hielt Ulrike Zich fest.

Attraktivität verbessern

Ein Punkt der von Mannsdörfer und Dujmic auch mit Blick auf den Klimawandel, aber auch auf mehr Attraktivität angesprochen wurde, war die Aufstellung von Pflanztrögen auf dem Löwen-Platz. Die Aktionsgemeinschaft habe sich bereit erklärt, 400 Kilo schwere Pflanztröge aufzustellen. Dies sei vom zuständigen Amt abgelehnt worden mit dem Hinweis, dass die Tröge möglicherweise auf den Tiefbahnsteig geworfen werden könnten. Außerdem seien die Blätter ein Problem und darüber hinaus bringe das nichts. Klar müssten die Tröge mobil bleiben. 400 Kilo schwere Tröge werfe man aber sicher nicht so einfach auf den Tiefbahnsteig. „Und dass Begrünung etwas bringt, wissen wir spätestens seit diesem Sommer.“ An der Stelle fragte Mannsdörfer nach, ob es Möglichkeiten gebe, Fassaden in Weilimdorf zu begrünen. Zu letzterem erklärte Grieb, dass es in Stuttgart den Klima-Innovationsfonds gebe, mit dem solche Dinge unterstützt werden können und es gebe in Stuttgart auch Firmen, die Fassadenbegrünungen machen. Da könne die Wirtschaftsförderung Kontakte vermitteln.

Bezüglich der Pflanztröge erklärte Bezirksbeirätin Barbara Graf, dass die Idee im Gremium sicher auf offene Ohren stoßen werde. Aus ihrer Sicht wäre es grundsätzlich eine gute Sache, wenn man mit der Verwaltung, dem Bezirksbeirat und WeilAktiv einen Beirat bilden könne, der genau solche Dinge angeht, um sie im Konsens zu lösen. Dazu gehöre auch das Thema Verkehr.

Konsens zwischen allen Verkehrsmitteln

Mannsdörfer betonte, dass man den Konsens zwischen allen Verkehrsmitteln brauche – ÖPNV, Rad und Auto. Der Handel und das produzierende Gewerbe sei auf den Verkehr angewiesen und auch die Ärzte. Ältere, die auf den Rolli angewiesen sind etwa, müssten mit dem Auto zum Arzt gebracht werden. Dafür und auch für Einkäufe würden Kurzparkplätze benötigt. Aus der Versammlung kam der Hinweis, dass Parkplätze mit Ladestationen besser in Nebenstraßen platziert würden und nicht in den Einkaufsstraßen. Zum Laden werde eher länger geparkt, beim Einkauf von Brötchen oder Vesper eher kurz.

Auch das Thema Radabstellanlagen wurde angesprochen. Hier stellten gleich mehrere Teilnehmer fest, dass die neuen Radbügel kaum genutzt werden. Die meisten Kunden würden ihre Räder immer direkt vor dem Laden abstellen.

Bezirksbeirat Peter Hanle sprach das Thema Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Pforzheimer Straße an und erinnerte an die verschiedenen Umfragen, die dazu schon gemacht wurden. Marcus Mannsdörfer erklärte, dass man auf der Pforzheimer Straße nicht Tempo 50 benötige. Dort könne man ohnehin nicht so schnell fahren. Bezirksvorsteherin Zich gab zu bedenken, dass die Pforzheimer Straße Ausweichstrecke für die B295 ist, das müsse bei der Diskussion berücksichtigt werden. Sie forderte die Mitglieder von WeilAktiv auf sich einzubringen, wenn im Oktober die Planungen zum Thema Stadtteilzentren konkret vorgestellt werden. Im November werde es dazu auch ein Online-Gespräch geben. Wichtig sei, sich da einzubringen und seine Wünsche kund zu tun.

Aus der Versammlung kam noch der Input, dass sich der Verkehr durch die E-Roller und Pedelecs verändert habe und weiter verändern werde. Deshalb brauche es Wegekonzepte, bei denen die verschiedenen Verkehrsteilnehmer sicher unterwegs sein können. Man müsse heute Formen finden, wie Innenstädte mit dem Handel lebenswert werden. Der Verkehr alleine sei da nicht die Lösung.

Letzter Punkt, der angesprochen wurde, waren die Baustellen. Weilimdorf sei durch Baustellen schon regelrecht abgeschnitten worden und das habe den Handel Umsatz gekostet. Wichtig sei, dass Baustellen zukünftig besser koordiniert und die Ausschilderung besser gemacht wird. „Wir würden uns wünschen, dass wir da zukünftig eingebunden werden“, so Dujmic. Grieb erklärte, das Stadtteilmanagement in Weilimdorf werde da bei größeren Themen im Rahmen seiner Möglichkeiten gerne vermitteln. Das Angebot stehe und laufe auch schon.

Dujmic hielt abschließend fest, dass man die Ergebnisse des Abends in einem Positionspapier zusammenfassen werde, das den Mitgliedern, der Politik und der Verwaltung zur Verfügung gestellt werde, „Lassen Sie uns weiter gemeinsam daran arbeiten, Weilimdorf positiv zu entwickeln“, hielten die Vorstände von WeilAktiv abschließend fest. Anschließend bestand Gelegenheit in kleinen Runden weiter über die verschiedenen Themen zu diskutieren.

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